Hintergrund:
Mia ist sechs Jahre alt und lebt mit ihren Eltern und ihrer zweijährigen Schwester in einer
Wohnung in der Stadt. Beide Elternteile arbeiten und wechseln sich in der Kinderbetreuung
ab.
Situation:
Es ist 20:00 Uhr, Mias übliche Schlafenszeit. Papa liest ihr wie gewohnt eine Geschichte vor.
Als er das Buch zuklappt und das Licht ausschalten will, protestiert Mia lautstark:
„Ich bin noch gar nicht müde! Ich will noch ein Buch!“
Papa erklärt ruhig, dass es nun Schlafenszeit sei und sie morgen wieder zusammen lesen
können. Doch Mia beginnt zu weinen, wirft das Kuscheltier auf den Boden und ruft:
„Ich hasse Schlafen! Du bist gemein!“
Papa ist sichtlich gestresst – er hatte einen anstrengenden Arbeitstag und wollte nach dem
Zubettbringen noch aufräumen und sich kurz entspannen. Er versucht zunächst, Mia mit
festen Worten zu beruhigen, doch sie steigert sich weiter in den Protest.
Schließlich verlässt Papa frustriert das Zimmer mit den Worten:
„Dann bleib halt wach – aber ohne mich.“
Mia ruft ihm noch hinterher, dass sie Angst im Dunkeln hat.
Beobachtung:
Nach einigen Minuten sitzt Mia weinend im Bett, ruft immer wieder nach ihrem Papa. Der
Papa kommt schließlich wieder, wirkt genervt, setzt sich wortlos neben das Bett, bis Mia
einschläft.
Wie bin ich nun vorgegangen:
1. Welche Bedürfnisse hatten die Beteiligten (Kind und Vater)?
2. Welche Kommunikationsform wurde verwendet?
3. Wie hätte die Situation deeskaliert werden können?
4. Welche Rolle spielen Rituale und Grenzen in dieser Situation?
5. Welche Unterstützungsangebote könnten Eltern in solchen Situationen helfen?
Wie ging es weiter….
Die Auseinandersetzung mit dem Fallbeispiel zeigt, wie wichtig ein feinfühliger und zugleich
konsequenter Umgang mit kindlichen Bedürfnissen im Alltag ist. Mia befindet sich in einer
Entwicklungsphase, in der Autonomie und emotionale Bindung gleichermaßen zentrale
Rollen spielen.
Ihr Verhalten stellt daher keinen reinen Ungehorsam dar, sondern ist
Ausdruck ihres Wunsches nach Nähe, Sicherheit und Selbstbestimmung.
Durch die Reflexion der Situation wurde deutlich, dass Konflikte im Alltag vor allem dann
eskalieren, wenn kindliche Bedürfnisse und elterliche Anforderungen nicht in Einklang
gebracht werden.
Eine wertschätzende Kommunikation, das bewusste Setzen von Grenzen
sowie der Erhalt von stabilen Ritualen können helfen, solche Herausforderungen frühzeitig
zu erkennen und zu bewältigen.
Auch wurde ersichtlich, dass elterlicher Stress und Überforderung Einfluss auf den Umgang
mit Konflikten nehmen können. Hier sind Entlastung, Unterstützung durch geschulte
Personen wichtige Bausteine, um langfristig ein positives und entwicklungsförderndes
Familienleben zu erhalten.
Insgesamt zeigt sich hier, dass durch bewusste Reflexion, angepasste Kommunikation und
liebevolle Konsequenz nicht nur Konflikte im Alltag gelöst, sondern auch die Beziehung
zwischen Eltern und Kind nachhaltig gestärkt werden kann.
